#copop20
DISSY

DISSY

Berlin / Deutschland

Donnerstag 23.04

Gloria Theater
Apostelnstr. 11
50667 Köln

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Eigentlich ist DISSY genau das, was geschulte Feuilletonjournalisten einen »kompletten Künstler« nennen. Seine Identität definiert sich nicht allein aus der Aneinanderreihung sauber formulierter Zeilen auf Beats. Vielmehr ist DISSY ein Kosmos, hinter dem sich eine eigene Sprache, eine besondere Form der Vergleichskultur, gravierend spezielle Produktionen, kunstsinnige Bewegtbilder, eben ein vollständiger ästhetischer Organismus, verbirgt. Bei flüchtiger Betrachtung mag er unnahbar und im Anbetracht seiner Wandlungsfähigkeit irgendwie irreal wirken, dieser Typ mit dem durchdringenden Psychoblick, der so beeindruckend unbeeindruckt scheint von den gängigen popkulturellen Multiplikatoren.

Wie auch immer: DISSY sticht durch seine direkte Melancholie und seinen verklausuliert -verspielten Schwermut haushoch aus der breiten Masse an zeitgenössischen Urban -Künstlern heraus. Bei näherem Hinsehen wird klar, dass er von Beginn an eine klare Vision hatte, an der er - so sehr er sich über die Jahre weiterentwickelt hat - konsequent festgehalten hat. Bis heute zieht er seine Innovation nicht aus vorbeifahrenden Zügen, scheint seiner Zeit vielleicht genau deswegen stets ein paar Meter voraus. DISSY liebt das Spiel mit Harmonien und Disharmonien - in den Sound-Bildern wie in den visuellen Umsetzungen seiner Tracks. Unverschämt unverblümt. Uneindeutig aufrichtig. Offenherzig empfindungslos.

Sein Output mag vielleicht ein bisschen zu komplex sein für das Nachmittagsprogramm verstaubter Radioanstalten und mit Sicherheit zu originell für die trendorientierten Playlisten der Streaming-Riesen...Aber trotzdem ist er authentisch und mächtig genug, um das Lebensgefühl einer ganzen Generation zu bündeln.

Knapp eineinhalb Jahre nach Erscheinen seines Debütalbums »PLAYLIST 01« kam DISSY im Januar 2020 mit seinem nächsten Projekt um die Ecke. Der Ansatz ist wieder deutlich rougher, die Beats wieder bissiger, die Stimmung - ganz allgemein gesagt - kühler. Wenn »PLAYLIST 01« in seiner melodramatischen Eigendynamik eine Art Kompromiss in Sachen Zugänglichkeit vorexerziert hat, ist »bugtape side a« wieder dreckiger. Pessimistischer. Lauter. Rastloser. Abgeklärter. Flächiger. Scheppernder.

Irgendwie antagonistischer, auch durch seine inhaltlichen Leitlinien. DISSY hat den Fokus sehr bewusst auf eine gesellschaftskritische Analyse des Internet-Zeitalters gelegt. In einer Epoche, in der Alexa und Google die ersten Ansprechpartner für Probleme jeglicher Art zu sein scheinen, begibt er sich auf die Suche nach den echten, großen, intensiven Gefühlen - und betritt dafür auch die düstersten Kellergewölbe der digitalen Parallelwelten.

Das »bugtape« ist zweigeteilt, soll sogar in zwei voneinander losgelösten Stößen veröffentlicht werden, ein klassisches Experiment Marke DISSY. Ausgefeilte Skits und die in ihrer Gänze einen vollständigen Satz bildenden Songtitel ergeben gemeinsam ein wie Kaugummi zusammenhängendes Stück Musik, das sich anfühlt wie eine turbulente Über-Kopf-Achterbahnfahrt in Überlänge. Das »bugtape« gleicht nicht nur durch seinen offenkundigen Mixtape-Charakter einer Art Rückbesinnung auf »Pestizid«, jener EP, mit der DISSY - damals noch als Dissythekid unterwegs - 2014 erstmals bedeutend für Furore in Rap-relevanten Kreisen gesorgt hat. Der Vibe ist ähnlich, auch wenn DISSY ihn erheblich weitergedacht hat. In kreativen Sessions sind durch den Einsatz analoger Drum Machines neue, beinahe Indie-eske Sounds gewachsen. Außerdem hat sich DISSY mit Tornpalk, Philipp Koch und Mine neue Co -Producer ins Haus geholt und - auch durch die Verwendung neuer Effektgeräte - seine Vocals perfektioniert. Future-Sound trifft auf 80’s, Memphis auf hallende Gitarrenriffs, Referenzen an ältere Projekte aus DISSYs Legacy crashen neuartige Gedankenstränge.

Geboren in Ostberlin, zieht er mit elf Jahren ins thüringische Erfurt, wo er selbstredend »die wichtigsten Jahre seines Lebens« verbringt. Mit fünfzehn - DISSY ist längst »auf Rap hängengeblieben« - wrackt er sich Fruity Loops und beginnt, auf selbstgebauten Beats zu Rappen. In den Folgejahren sammelt er Gleichgesinnte um sich, landet im Kollektiv Wordsflysch erste Untergrund-Hits. Noch in Erfurt entsteht nach allen Regeln des DIY -Prinzips die »Pestizit« EP, die ihn als Solo-Künstler deutschlandweit bekannt macht und selbst Hip-Hop-Professor Falk Schacht nachdrücklich beeindruckt. 2015 ist er das einzige Feature auf der in Szene-Kreisen hochgelobten »Minus EP« von Ahzumjot. Parallel dazu etabliert sich DISSY in der Film -Szene, ist als Regisseur an einer Reihe beachtlicher Produktionen beteiligt und dreht unter anderem Musikvideos für Clueso, Veysel oder Megaloh.

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