5 Fragen an …

5 Fragen an Matilda

5 Fragen an Matilda

Im Rahmen des Formats »5 Fragen an …« stellen wir euch heute Content-Creatorin Matilda vor, die euch vermutlich schonmal in irgendeiner Form in eure digitalen Kanäle gespült wurde – auf YouTube unter @mechthildistnichtmeinname, auf Instagram via @matildajltt und bei TikTok als @mechthild. Sie beschäftigt sich mit Popkultur ebenso wie mit Feminismus, Politik, Behinderungen und neuen jungen FLINTA*-Artists. Wir haben ihr Fragen gestellt zu Themen wie Medienkompetenz und Meinungsbildung der Gen Z, Identity Politics auf Festivals, falsch interpretierten 2025er-Alben und mehr.

Wie schätzt du aus journalistischer Sicht die Bedeutung und Wirkung sozialer Medien für die Medienkompetenz und Meinungsbildung der Generation Z ein?

Social Media ist Teil unseres Lebens. Kein Wunder, dass wir eben nicht mehr mit der Printzeitung am Frühstückstisch sitzen, sondern von unseren Feeds über das politische und kulturelle Geschehen auf der Welt informieren lassen. Dass das in Zeiten von KI, Desinformation und Algo-Bubbles gefährlich sein kann, muss ich hier wohl nicht erwähnen. Social Media kann aber natürlich auch eine Chance sein. Wie viel Nischen-Wissen über Musik, Kultur und Literatur habe ich mir nur angeeignet, weil ein Creator irgendwo da draußen auf der Welt genug Leidenschaft hatte, in einem TikTok oder Reel über sein Herzensthema zu berichten? Kurz gesagt: Social Media kann im besten Fall Gen Z begeistern und neue (kulturelle) Welten öffnen, das sollte man auch aus journalistischer Sicht mitdenken. (Im schlechtesten Fall, naja, ihr wisst schon, aber ich will hier zur Abwechslung mal die positive Seite beleuchten, das Negative hören wir schon so oft!)

»Gender over talent« – Ruinieren Identity Politics unsere (Festival-)Line-ups?

Nö, ganz im Gegenteil, ich finde, dadurch werden Line-ups erst interessant. Zynisch ausgedrückt: Ich brauche nicht die weiße Milchbubi-Indieband in vierfacher Ausführung, damit mein Festivalwochenende ein musikalisches Feuerwerk wird. Die deutsche Musikszene hat so zahlreiche talentierte Künstler und Künstlerinnen zu bieten. Ein Line-up über konventionelle Grenzen hinaus zu kuratieren, ist eine Chance, diese Vielfältigkeit abzubilden. Vielfältige Menschen bringen nämlich vielfältigen Sound. 

Du analysierst viele Lyrics deutscher Musiker*innen – welcher Song oder welches Album wurde deiner Meinung nach 2025 von der Mehrheit falsch interpretiert und warum?

Mir graut es, wenn ich daran denke, wie oft ich dieses Jahr den L-Take lesen musste, dass Ikkimels Fotze-Album ja einfach nur das Verkehrtherum des sexistischen Aggro-Macho-Raps sei. Nochmal zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen satirischer Überspitzung und ernstgemeinter Abwertung. Und vor allem gibt es einen Unterschied zwischen einem fiktiven musikalischen Matriarchat, in dem Männer nur auf Bühnen (und immer mit ihrem Consent) in Käfige gesperrt werden, und dem sehr realen Patriarchat, in welchem sexistische Aggro-Rap-Texte vielleicht nicht unbedingt die reale Einstellung eines Künstlers, aber sehr wohl eine frauenfeindliche Realität abbilden.

In einem Video sagtest du »Ich gehöre zur verweichlichten woken Cancel-Culture«. Wie hast du popkulturelle Debatten in 2025 empfunden und bietet die »Cancel-Culture« in diesem Zusammenhang sogar einen Mehrwert?

In der popkulturellen Debatte fehlt mir oft der Raum für Nuancierung und generell eine textkritische Kompetenz. Ich habe das Gefühl, man soll zu allem direkt eine fertige Meinung haben, etwas ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ finden, während der Platz für Gleichzeitigkeit, Komplexität oder „Ich muss mir das erst mal anschauen, bevor ich was dazu sagen kann“-Eingeständnisse immer eingeschränkter wird. Auf der anderen Seite wird tatsächlich berechtigte Kritik irgendwo zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Warum ist Gen Z so sensibel?“ automatisch abgeschmettert. Die ‚Cancel Culture‘ ist eigentlich gar keine. Mal davon abgesehen, dass keine der Personen in der Öffentlichkeit, die eine Online-Community in der Vergangenheit für fragwürdige bis herabwürdigende Aussagen und Handlungen zur Verantwortung ziehen wollte – Luke Mockridge, Till Lindemann, Jérôme Boateng und und und – ihren Status, ihr Geld oder ihre Privilegien einbüßen mussten, bezeichnet ‚Cancel Culture‘ doch meistens eher die Online-Akteure, die berechtigt auf Problematisches aufmerksam machen. Und das find ich sehr wichtig.

Dein perfekter Tag auf der c/o pop? Oder: Wenn du bei der c/o pop ein eigenes Panel oder einen Programmpunkt kuratieren dürftest, wen würdest du einladen?

Ikkimel – um mit ihr ihr lyrisches Männerschreck-Universum zu sezieren. Mit bangerfabrique würde ich gern über die empowerte Girlgroup-Ära yappen. Ich hätte auf jeden Fall Lust auf einen Live-Lyric-Deepdive mit einem Artist. Und alle sollen sich in mein Freundebuch eintragen.



Matilda ist Content Creatorin auf YouTube (@mechthildistnichtmeinname), Instagram (@matildajltt) und TikTok (@mechthild). Anfangs standen bei ihr vor allem Deutschraplyric-Analysen à la Deutschunterricht im Fokus, mittlerweile gehören zu ihren Inhalten aber auch Popkultur, Feminismus, Politik und Behinderung. Letzteres ist was ganz Persönliches, denn Matilda hat eine angeborene Handfehlbildung. Aus diesem Grund ist vor allem die (mediale) Repräsentation von Menschen mit Behinderung eines ihrer Herzensthemen.

Wenn Matilda nicht vor der Kamera steht, steht sie auch gerne dahinter – als Regisseurin oder als Kopf hinter dem Konzept. In ihrem aktuellen Projekt »Ein Händchen für Repräsentation« inszenierte sie ikonische Filmszenen neu – aber inklusiv besetzt. Durch ihre ausführlichen und gut ausgearbeiteten Musikanalysen auf YouTube konnte sie sich in kürzester Zeit einen Namen in der Musikszene machen. Es ist ihr vor allem ein Anliegen, neue und junge FLINTA* Artists zu entdecken und vorzustellen.