5 Fragen an …

5 Fragen an Martin Hommel

5 Fragen an Martin Hommel

In unserem Format »5 Fragen an …« erklärt er uns, was am Newsletter geiler ist als an sämtlichen Social-Media-Formaten, warum ein TikTok weder so demokratisch ist noch Gefühle vermitteln kann wie ein Song und warum Reichweite kein Argument für Relevanz (mehr) ist. Und Martin muss es schließlich wissen: Er arbeitet als Musikjournalist, Mediengestalter, Projektmanager und Berater, leitet das Newsletter-Projekt „Ein Song Reicht“, das mit dem Preis für Popkultur ausgezeichnet wurde – und das ist längst nicht alles. Was Martin sonst noch macht und zu sagen hat und was er an der Convention mag, lest ihr am besten selbst: 

Was kann ein guter Newsletter heute besser als Instagram, TikTok oder X – gerade für Musikjournalismus?

Vermutlich ist es kein Geheimnis, dass wir uns irgendwo in der Nähe des Social-Media-Peaks bewegen: Alle kämpfen um Aufmerksamkeit, Reichweiten konvertieren nicht verlässlich, Paid Ads werden teurer, KI überschwemmt die Timelines. Und am Ende weiß man oft nicht einmal, ob die eigenen Inhalte wirklich angekommen sind.
Ein Newsletter ergibt da aus vielerlei Hinsicht total Sinn. Für Abonnent*innen ist das Postfach ein vergleichsweise ruhiger Ort. Die nächste Story, der nächste Slide warten nicht schon im Augenwinkel. Man liest, wenn man Zeit hat, egal ob die Mail heute Morgen kam oder vor drei Tagen. Und vor allem: Sie bleibt.
Für uns bei Ein Song Reicht bedeutet das: Wir erreichen die Menschen, die sich bewusst für unsere Inhalte entschieden haben. Ohne Algorithmen zu bespielen, ohne Ads zu schalten und ohne das ständige Rätselraten, ob Social-Media-Reichweite auch wirklich Relevanz bedeutet. Wir können einem Song genau die Aufmerksamkeit geben, die er verdient, ohne Konkurrenz im Feed, ohne Ablenkung nebenan. 

Blog, TikTok oder doch Newsletter – wo würdest du heute in den Musikjournalismus einsteigen?

Wahrscheinlich dort, wo ich die größte Unabhängigkeit habe. Also beim Newsletter. TikTok kann Reichweite bringen, klar. Aber Reichweite gehört dir nicht. Sie ist geliehen, abhängig von Trends, Algorithmen und Plattformlogiken, die sich ständig verändern. Ein Blog kann ein gutes Archiv sein, aber ohne starke Distributionsstrategie bleibt er oft unsichtbar.
Ein Newsletter ist direkt. Abonnent*innen entscheiden sich bewusst dafür, deine Perspektive regelmäßig im Postfach zu haben. Keine Zwischeninstanz, kein Algorithmus, der deine Inhalte priorisiert oder unsichtbar macht. Gerade im Musikjournalismus geht es um Haltung, Kontext und Vertrauen. Das baut man langfristig auf, nicht im 30-Sekunden-Clip, sondern über Kontinuität. Heißt nicht, dass man die anderen Kanäle ignorieren sollte. Aber ich würde sie als Bühne nutzen, nicht als Zuhause.


Glaubst du, der Erfolg des Newsletters spiegelt die Sehnsucht nacheiner Welt ohne algorithmisch gesteuerten Alltag und mehr Selbstbestimmungwider?

Ganz klares Ja. Wir hören aus unserer Community immer wieder, dass viele überfordert sind, wenn sie Streamingdienste öffnen: Alles ist verfügbar und genau das macht die Entscheidung schwer. Algorithmen schlagen vor und verstärken meist das, was man ohnehin schon gern hört. Sie halten einen in der eigenen Komfortzone und erschweren echte Entdeckungen, also Musik, die man selbst nie gesucht hätte.
Die Menschen, die wir erreichen, entdecken Musik häufig nicht über TikTok oder trendgetriebene Feeds. Viele von ihnen haben früher Spex gelesen, im Plattenladen Empfehlungen vertraut oder Autor*innenradio gehört. Orte, an denen Haltung, Kontext und kuratierte Perspektiven wichtiger waren als Datenpunkte. Vieles davon funktioniert heute so nicht mehr. Ein hochwertig kuratierter und sorgfältig produzierter Newsletter kann diese Lücke schließen: Er bietet Orientierung statt Reizüberflutung. Eine bewusste Auswahl statt endloser Vorschläge. Und vielleicht auch ein Stück Selbstbestimmung zurück, weil man sich entscheidet, einer Stimme zu folgen, nicht einem Algorithmus.

Was verändert sich, wenn Musikempfehlungen von ganzunterschiedlichen Menschen kommen – nicht nur von Expert:innen?

Wir verstehen uns bei Ein Song Reicht von Anfang an nicht als klassisches journalistisches Medium. Wir ordnen nicht ein, wir kontextualisieren nicht. Das war eine bewusste Entscheidung. Wir fragen (mehr oder weniger prominente) Menschen ganz einfach: „Was ist dein Lieblingssong? Und warum ist er das? Erzähl’ uns deine Geschichte!“
Dadurch öffnet sich eine neue Ebene für die Songs. Viele Empfehlungen entstehen aus Erinnerungen. Aus Momenten, die traurig waren oder aber wunderschön. Es geht um dieses Gefühl, das wir alle kennen: dass ein Song einen in Millisekunden zurück in eine Situation katapultiert, die eigentlich Jahre zurückliegt. Was sich dadurch verändert? Musik wird weniger bewertet und mehr erlebt. Sie wird persönlicher, nahbarer und vielleicht auch demokratischer. Nicht die Expertise oder das Gate Keeping entscheidet, sondern die emotionale Verbindung.

Dein perfekter Tag auf der c/o pop? ODER Wenn du bei der c/o pop eineigenes Panel oder einen Programmpunkt kuratieren dürftest – wen würdest dueinladen?

Den hatte ich im Grunde schon im letzten Jahr. Es war mein erstes Mal c/o pop und Ralph war so lieb, mir am ersten Morgen mit einem Kaffee in der Hand das wunderschöne Gelände zu zeigen. Besser kann man eigentlich nicht starten.
Danach: Austausch mit Freund*innen und Kolleg*innen im Garten des Herbrand‘s, tolle Talks und Panels – besonders die Shows von Zwischen Zwei Und Vier – und schließlich ein Panel, bei dem ich selbst Speaker sein durfte und das richtig gut besucht war. Das war schon ziemlich besonders. Im Vergleich zu vielen anderen Konferenzen fühlt sich die c/o pop unglaublich entspannt an. Offen, nahbar, weniger Ellenbogen. Ich hoffe, das wird dieses Jahr wieder so. Wobei: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es wieder genauso wird. :)



Martin Hommel lebt in Berlin und arbeitet als Musikjournalist, Mediengestalter, Projektmanager und Berater. Er moderierte eigene Radiosendungen und Podcasts und arbeitete als Autor und Mediengestalter unter anderem für BBC 6 Music, detektor.fm, ZDF, Arte, RTL, DLF und den Musikexpress. Gemeinsam mit Melanie Gollin entwickelte er 2023 die vielbeachtete Kampagne „Wo ist hier der Krach?“, die sich für mehr Diversität und eine stärkere Präsenz unabhängiger Künstler*innen im öffentlich-rechtlichen Radio einsetzt.

Seit 2024 leitet er das Newsletter-Projekt „Ein Song Reicht“ und verantwortet dessen gesamte Umsetzung. Das Format wurde 2025 mit dem Preis für Popkultur in der Kategorie „Gelebte Popkultur“ ausgezeichnet. Als Speaker spricht er über Themen wie die Zukunft des Musikjournalismus, Community Building und neue Wege im Musikbusiness – unter anderem auf Panels wichtiger Konferenzen wie der c/o Pop, dem Reeperbahn Festival und Most Wanted: Music. Darüber hinaus berät er Menschen aus Musik und Medien und absolviert derzeit eine Weiterbildung zum systemischen Business Coach am isiBerlin.

Martin liebt Post-Punk, weirden Pop und alles, was schlecht gelaunt klingt – und denkt (zu) viel über Paul McCartney nach.