5 Fragen an …

5 Fragen an Julia Gröschel

5 Fragen an Julia Gröschel

Heute stellen wir unsere »5 Fragen an …« Julia Gröschel, die den Video-Podcast »Hip Hop Lebt« hostet. Es geht um authentischen Rap, wünschenswerte Entwicklungen im Hip Hop, die Verantwortung der Musikindustrie und längst überholte Erwartungen der Szene. Außerdem verrät Julia, welche drei Rapper*innen sie in ihren fiktiven neuen Podcast einladen würde und warum. Viel Spaß mit »5 Fragen an …«:

Rap lebt von Haltung und Glaubwürdigkeit. Wie verändert sich dieses Verständnis von Authentizität, wenn neue Perspektiven und Communities stärker sichtbar werden? 

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wer bestimmt eigentlich, was authentischer Rap ist und wer dazugehört? Viele stilisieren die „Goldene Ära“ der 90er und behaupten, Rap sei damals in seiner Reinform perfekt gewesen. Ich sehe das anders. Authentizität im Rap war nie statisch. Sie verschiebt sich seit jeher mit den Stimmen der Künstler*innen. Wenn frische Perspektiven und Communities endlich (!) sichtbarer werden, erweitert sich auch unser Verständnis davon, was „real“ ist und was sein „darf“. Plötzlich stehen Erfahrungen im Raum, vor allem von marginalisierten Gruppen, die lange überhört wurden. Genau das finde ich spannend. Rap bleibt glaubwürdig, wenn die Geschichten ehrlich sind — egal aus welcher Perspektive.
Der Blick zurück ist wichtig, schließlich ist Rap Teil einer Kultur und ihrer Geschichte. Aber in einem selbstreferenziellen Verständnis einer Kultur stehen zu bleiben, hilft niemandem. Es gibt so viel neuen, guten Rap zu entdecken, vertraut mir. In diesem Sinne: Hip Hop Lebt.

Wenn du dir die Entwicklung von Deutschrap anschaust: Welche Veränderung würdest du dir in den nächsten Jahren am meisten wünschen? 

Ich wünsche mir vor allem mehr Austausch – musikalisch, inhaltlich und vor allem strukturell. Die Szene ist unglaublich kreativ, bewegt sich aber oft noch in sehr engen Erwartungshaltungen: wie Rap klingen darf, wer sprechen darf und welche Themen „funktionieren“.
Ich würde mir wünschen, dass noch mehr unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden. Dabei sehe ich auch klar die Musikindustrie in der Verantwortung: Baut wieder Künstler*innen auf, fordert und fördert Künstler*innen und habt einen langen Atem, statt nur Produkte und "Kampagnen" zu entwickeln.
Das braucht Mut. Zum einen von Künstler*innen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, aber auch von den Strukturen der Branche, diese Geschichten zuzulassen und sichtbar zu machen. Gerade Stimmen von Frauen*, queeren Artists oder Menschen mit ganz anderen Biografien haben die Kraft, die Gesellschaft weiterzuentwickeln.
Musik ist ein hochemotionales Gut. Lasst uns im Alltag zwischen E-Mails und Coolness nicht vergessen, warum wir alle einmal in diese Branche gekommen sind.

Welcher Gast oder welches Gespräch bei HIP HOP LEBT ist dir bis heute in Erinnerung geblieben bzw. hat dich so richtig überrascht? 

Eine Frage nach meinem Gespräch mit Laas ließ mich einfach nicht los: Zu welchem Preis lebt man seinen Traum?

Wir haben über die Zerrissenheit zwischen kommerziellem Erfolg als Songwriter für die größten Deutschrap-Hits, Privatleben und künstlerischer Selbstfindung gesprochen. 

Heute sieht er sich eher als Täter als als Opfer und der Song „Teufelchen“ auf seinem aktuellen Album ist ein gutes Beispiel für seine persönlichen Struggles. Die Zeilen lassen – da lehne ich mich aus dem Fenster – niemanden kalt. In dieser Form habe ich eine Übersetzung von Schmerz, Leichtigkeit, Selbstvorwurf, Gleichzeitigkeit und Realitätscheck in einem Song noch nie gehört.

"Sie malte mir ein Bild von 'ner Blume auf 'ner Wiese.
Und über der Blume sah man ein'n Regenbogen sprießen.
Sie malte drei Herzen und dadrunter drei Leute.
Mama, sich selbst und Papa als den Teufel."

Am besten einfach mal die Streaming-Plattform deines Vertrauens anschmeißen und 3:54 Minuten nachfühlen – und unser Gespräch hören.

Du darfst einen neuen Hip Hop-Podcast, bestehend aus drei Rapper*innen, ins Leben rufen - wen wählst du und wieso? 

Drei starke Perspektiven, vereint durch Haltung, Erfahrung und echte Liebe zur Kultur – und gleichzeitig bereit, für die Sache auch mal kontrovers zu diskutieren. Ich bin mir sehr sicher: Nach jeder Folge wüssten wir wieder ein bisschen besser, wo Deutschrap gerade steht.

Du selbst bist Teil des Programms bei der diesjährigen c/o pop Convention. Welchen weiteren Programmpunkt kannst du empfehlen oder willst du dir vor Ort gerne anschauen? 

Der Glaube, dass man als Artist vor der Kamera tanzen „muss“, um auf TikTok stattzufinden, hält sich hartnäckig. Ebenso die Vorstellung, man würde seine Seele verkaufen oder sich bei seinen Fans anbiedern, sobald man mehr als ein- oder zweimal etwas zum eigenen Album postet.
Der Algorithmus scheint überall Viralität zu pushen – nur nie bei einem selbst. Long story short: Viele Musiker*innen suchen noch nach ihrem eigenen Zugang zu Plattformen, Communities und Social Media – irgendwo zwischen Authentizität, purer Überforderung und der Frage: Wie zur Hölle werde ich sichtbar? Während Artists noch hadern, finden Creator*innen konstant neue Wege, ihre Arbeit zu monetarisieren und Communities aufzubauen. Genau über diese Gegensätze und mögliche Learnings daraus spricht mein langjähriger Wegbegleiter Thomas Müller in seinem Panel auf der c/o pop. Für mich ein Must-see für alle, die verstehen wollen, was Creator Economy und Musikindustrie trennt und was sie voneinander lernen können.



Julia Gröschel hat mit ihrem wöchentlichen Video-Podcast »Hip Hop Lebt« eine der spannendsten Plattformen für deutschsprachige Hip-Hop-Kultur etabliert, der im Mai 2025 Platz 1 der Spotify Top-Musik-Podcast-Charts erreichte. 

Sie spricht mit ihren Gästen über die Musikbranche – auf, vor und neben der Bühne – und verbindet in herzlichen, persönlichen Gesprächen Musik, Business und Anekdoten. So ergeben sich wertvolle Einblicke in die Szene. Zuvor arbeitete sie u. a. für VICE. Heute bringt sie ihr Wissen im Artist-Management, Consulting und bei Kampagnen in der Musik-, Event- und Medienbranche ein.

Diesen Herbst geht sie auf ihre erste eigene Live-Podcast-Tour, lädt in jeder Stadt einen neuen Gast ein und mixt Gespräch mit Live-Musik in einem einzigartigen und neuen Format.