5 Fragen an …
5 Fragen an Christina Plett
Unsere heutigen »5 Fragen« haben wir der in Berlin lebenden Journalistin Cristina Plett gestellt. Sie beschäftigt sich viel mit dem Thema Clubkultur und erläutert, warum die Gen Z ganz anders feiert als die Generationen zuvor. Unter anderem geht sie der Frage nach, ob Clubs 2026 noch Orte des Widerstands sind oder längst Teil des Systems. Spoiler: Es bleibt ambivalent!
Du schreibst,
TikTok treibt die Kommodifizierung von Clubkultur auf die Spitze.
Ist Social Media für Raves eine Bedrohung oder Chance?
Beides. Es kann ein Weg sein, ein größeres interessiertes Publikum zu erreichen (gerade in Zeiten von höherem finanziellem Druck auf Veranstalter*innen ist das relevant) und Raver*innen dabei helfen, sich untereinander zu verbinden, Musik auszutauschen und gemeinsame Interessen zu teilen. Zugleich erhöht es den Druck auf DJs und Veranstaltende, sich auf Social Media zu promoten und kann die Party zu einer Ware machen, die dafür da ist, auf Social Media konsumiert zu werden. So kann es letztlich Qualitäten einer Party in Mitleidenschaft ziehen: Das Im-Moment-sein, sich als Raver*in in einem geschützten Raum befinden, DJ-Sets frei von dem Gedanken, ob das auf einem 10-Sekunden-Videosnippet ballert. Aktuell zeigt es sich für mich tendenziell eher als Bedrohung, obwohl ich natürlich selbst von Social Media profitiere.
Die Gen Z geht seltener feiern – und wenn,
dann anders.
Was hat die Pandemie mit dem Verhältnis junger Menschen zu Kulturorten wirklich gemacht?
In dem Alter, in dem man üblicherweise Kulturorte nutzt, hatte eine ganze Generation keinen Zugang dazu. Inzwischen ist die Gen Z älter geworden, hat sich das Leben aber ohne Kulturorte eingerichtet. Und holt diese verpassten Orte auch nicht nach. Die nach der Pandemie gestiegenen Preise sind ein zusätzliches Hindernis, gerade mit dem Budget junger Menschen. Sehr diffus beobachte ich auch eine gewisse Scheu vor einem Ort mit so vielen fremden Menschen auf einem Fleck wie dem Club. Noch dazu, wenn man alleine hingehen müsste, weil – dazu gibt es ja Studien – die Einsamkeit unter jungen Menschen besonders hoch ist.
Nüchterne Raves, Wellness-Orientierung, der Anti-Aging-Hype auf Social Media – du hast über die Obsession mit dem Altern und über das Ende des »hedonistischen Spielplatzes Club« geschrieben.
Wie verändert der Health-Trend die Atmosphäre in Berliner Clubs?
Die Atmosphäre? Kommt natürlich drauf an, wo man hingeht, aber da sich in Berlin noch immer die Hedonist*innen tummeln, würde ich sagen, wenig. Je nach Party sehe ich vielleicht mehr muskulöse Körper, die zur Schau gestellt werden, oder Schlauchbootlippen. Beides eine Körperkult-Ästhetik, die früher meines Empfindens nach weniger in der Berliner Clubszene verortet war – feiern tun die Leute trotzdem. Auch die (zugegebenermaßen sehr langsame) Zunahme von Sober-Partys oder einem vielfältigen alkoholfreien Angebot an der Club-Bar tut der Atmosphäre, soweit ich sehe, keinen Abbruch. Es macht ja den Club zugänglicher für Menschen, die wirklich Bock auf die Musik haben und nicht vielleicht nur wegen des Rausches da sind.
Du moderierst Panels darüber, wie politisch Clubs noch sein können. Sind Clubs 2026 noch Orte des Widerstands – oder längst Teil des Systems?
Uff. Natürlich sind sie inzwischen Teil des Systems: Unternehmen, die Löhne und Steuern zahlen etc., und für manche Menschen Teil der Routine aus Montag bis Freitag = Arbeit, am Wochenende = erholen und/oder Dampf ablassen im Club, damit man am Montag wieder das Mo bis Fr ertragen kann. In unserer Gesellschaft – fragmentiert, digital, vereinsamt – hat jedoch allein das Konzept Club einen Moment des Widerstands. Man kommt zusammen mit fremden Menschen aus – im besten Fall – sehr unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft. Da können Dialoge entstehen, was für unsere Demokratie essenziell ist.
Außerdem sind Clubs noch immer Safer Spaces für marginalisierte Teile der Gesellschaft. Sie gehen voran mit Konzepten wie Awareness oder geschlechtergerecht verteilten Line-ups. Sie sind ein Raum, in dem gemeinsam das gelebt werden kann, was draußen so (leider) nicht akzeptiert ist – und das kann eine Form von Widerstand sein. Aber: Nicht alle Clubs verstehen sich als politisch, es gibt beides.
Unser Festival findet in Köln statt. Was bringt eine*n Berliner Raver*in dazu, sich für ein Event in den Zug nach Köln zu setzen?
Ein Event, das mir die Kölner Szene zeigt, mit Labels und DJs aus Köln. Eine Venue, von der ich Gutes gehört habe. Plus, da bin ich ehrlich, Freund*innen, also entweder eine Gruppe aus Berlin, die mitkommt, oder meine paar Kölner Freund*innen – alle auf einem Fleck.
Die Berliner Journalistin Cristina Plett beschäftigt sich vor allem mit Clubkultur, Musik und Social Media. Die Musikindustrie, primär elektronische Musik und Pop, sowie Social Media-Trends, beobachtete sie als freie Journalistin für u. a. Die Zeit, Tagesspiegel und Groove. Sie hat die Deutsche Journalistenschule besucht, arbeitet heute als Social-Video-Redakteurin für den Tagesspiegel und spricht auf ihren privaten Social-Media-Kanälen über Clubkultur.